Die sogenannte „Causa Pelinka“ ist in den 4 Wochen immer wieder Thema in der österreichischen Öffentlichkeit. Wir haben uns der „Causa Pelinka“ angenommen und die Weböffentlichkeit in Österreich seit dem 23.12. 2011 beobachtet. Herausgekommen ist ein Lehrstück, wie man im Zeitalter von Social Media nicht mehr kommunizieren kann und sollte. Aber auch ein Lehrstück über unterschiedliche Kommunikationsstile und eine grundsätzliche Stimmungslage in Österreich: Das Gefühl der weiteren Entfremdung zwischen Politik und „normalen“ Bürgern. Die Grundlage für die vorliegende Analyse sind Beiträge im österreichischen Social Web, die sich mit der Bestellung Nikolaus Pelinka‘s zum Büroleiter des ORF-Generaldirektors Wrabetz auseinandersetzen.
Ein quantitativer Vergleich: Die „Causa Pelinka“ schlägt hohe Wellen.
Grafik 1: Diskussionsanteile zu Nikolaus Pelinka sowie Alexander Wrabetz, Robert Ziegler und Werner Faymann in Bezug auf den ORF – ein quantitativer Vergleich Die Zahlen beziehen sich auf 1022 Posts und Beiträge auf 5216 deutschsprachigen Websites im Zeitraum vom 16. Dezember 2011 bis 23. Januar 2012.
Mit Hilfe der quantitativen Analyse des sogenannten „Buzz“ (Nennungen zu den genannten Suchbegriffen) lässt sich die Konjunktur der Debatte nachverfolgen. Es wird deutlich, dass die „Causa Pelinka“ seit dem 23.12. 2011 immer wieder hochkocht. Selbst über die Weihnachtsfeiertage und dem Jahreswechsel wird darüber berichtet, gepostet und kommentiert. Ein weiterer Höchstwert erfolgt am Tag des Rückzugs Pelinka. Mit dem linkfluence Ansatz ist es uns möglich einen genaueren Blick auf die Geschehnisse werfen. Es ist möglich das österreichische Web in verschiedene Communities zu unterteilen und so die politischen Lager einzeln zu betrachten, bzw. zu überprüfen, welche Communities, wie das Thema kommentieren.
Massive Kritik in den Communities der politischen Blogosphäre
Um eine fundierte, inhaltliche Analyse des Social Web durchführen zu können, haben wir uns der sogenannten Blogosphäre in Österreich gewidmet. Hier wird sehr schnell deutlich: Kritik an der Benennung Pelinkas findet sich in allen politisch-orientierten Communitys im Social Web. Allerdings zeigen sich große Unterschiede im Tonfall und in der Art des Diskurses. Die Stimmen in der Blogosphäre sind mitunter harsch und gezielt gegen Nikolaus Pelinka gerichtet, in den meisten Beiträgen findet jedoch eine sachliche Auseinandersetzung mit Thema statt, das auf eine höhere Ebene – der Vergabe von Posten nach parteipolitischen Interessen – gehoben wird. Spannend ist auch zu verfolgen wie sich unter politisch interessierten Web-Nutzern ein immer stärkeres Bewusstsein über die Öffentlichkeitswirksamkeit von Social Media Kanälen, wie Blogs und Twitter entwickelt und wie Blogger die „Neuordnung der Medien“ und die Verbreitung von Nachrichten aktiv mitbestimmen möchten. Allein aus diesem Grund ist es für Unternehmen, Organisationen und Unternehmen zentral wichtig, Social Media zumindest passiv im Auge zu behalten.
Die Analyse unterschiedlicher politischer Communities: Sohn aus gutem Hause in der Kritik
Auch Blogger in anderen politischen Communitys kritisieren den zu starken Zusammenhang zwischen Nikolaus Pelinka, der SPÖ und Alexander Wrabetz. „Die Personalie Pelinka ist nur deshalb bedeutend, weil sie den bisher schlagkräftigsten Beweis darstellt, wie eng der Wrabetz-ORF an den Fäden der Parteien, insbesondere jenem der SPÖ hängt. Wenn jener Mann, der die Wrabetz-Wiederwahl inszeniert hat, dann auf einen hochbezahlten Posten unter Wrabetz aufsteigt, hat das naturgemäß einen ganz üblen Geruch. Wer bitte ist da wessen Chef?“ (www.andreas-unterberger.at). Pelinkas eigene Aussagen er sei kein Parteipolitiker verhallen in der Blogosphäre oder werden als unglaubhaft abgetan.
Die “Causa Pelinka” als Sinnbild des Politikverständnisses
Die sozialdemokratische und grüne Community reagieren im Social Web verhalten, dennoch sind sich diese Blogger einig mit den Bloggern der Communitys Soziales und Innenpolitik, die die Diskussion auf eine nicht personenbezogene, sondern sachliche Ebene heben. Für sie muss zwischen der Anfeindung Pelinkas und der „gängigen Art und Weise“ wie Posten zwischen Politik, Wirtschaft und Medien verteilt werden, getrennt werden. Personen aus parteipolitischen Motiven auf wichtige Posten zu setzen, sei eine Praxis geworden, die sich alle österreichischen Parteien herausnehmen, auch andere Beispiele werden hier aufgeführt: „Es ist gar nicht lange her, da wechselte ein Nationalratsabgeordneter der ÖVP [Kurt Bergmann] direkt auf den Posten des ORF Generalsekretärs.“ (chorherr.twoday.net). Übereinstimmend kommentieren die Blogger dieser Communitys, falls Pelinka die Leitung des ORF-Büros tatsächlich übernehmen sollte, wäre dies nicht nur parteischädigend für die SPÖ, sondern ein unmoralisches Vorgehen, das letztendlich auf alle Parteien zurückfallen, sie in Gesamthaftung nehmen und der Demokratie schaden würde. Auch für den Österreichischen Rundfunk würde sich die Berufung „unternehmensschädigend“ auswirken, aus Sicht der Blogger würde der ORF seine Unabhängigkeit einbüßen. Verwundert ist man hier allenfalls noch darüber in welchem Ausmaß die Vergabe des Jobs stattfindet. Dass nicht „einmal mehr versucht wird den Vorgang zu verschleiern“ irritiert, man ist sich durchaus bewusst, dass solche Besetzungen ablaufen, wenn auch scheinbar subtiler als im Fall Pelinka. Hervorgehoben wird in diesen Communitys in diesem Zusammenhang zudem die „Macht des Social Webs“. Dieser neugewonnene Einfluss ermöglicht, dass Diskussionen öffentlicher und länger geführt werden, unabhängig von großen Medienanbietern bestimmen Blogger mit, welche Argumente in eine Debatte aufgenommen werden und wann diese ausdiskutiert sind. Als Beispiel hierfür wird die Veröffentlichung der Pressemeldung von Pelinkas Berufung am 23.12.2011 um 14 Uhr angeführt: „Hat da wer ernsthaft an kluges medienstrategisches Timing gedacht, als der ORF am 23.12. um 14:00 die APA-Info rausließ, dass Niko Pelinka neuer Büroleiter von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz werden solle? Old Media-Timing funktioniert nimmer. Twitter, Facebook et al halten sich nicht an Redaktionszeiten.“
Für die Communitys Gleichberechtigung und Soziales spielt noch ein weiterer Aspekt in die Diskussion um die Vergabe der Büroleiterstelle hinein. Nicht nur die Nähe zur SPÖ, sondern auch das Übergehen der Frauenquote ist für diese Blogger nicht zu akzeptieren. Im Sinne der Gleichberechtigung und der vom Nationalrat beschlossenen Frauenquote für den ORF, sind bei Stellenausschreibungen Frauen bei Qualifikation gegenüber männlichen Bewerbern zu bevorzugen, bis ein Frauenanteil von 45% erreicht ist. Das keine gleichqualifizierte Frau sich auf die Stelle des Büroleiters bewirbt wird als unwahrscheinlich erachtet. Wieder auf die persönliche Ebene von Nikolaus Pelinka herunter gebrochen ist für diese Communities ebenfalls klar, die Annahme des Jobs ist umstritten, moralischen unklug und egoistisch, als Sozialdemokrat bzw. als guter Demokrat darf er den Job nicht annehmen.
Den größten Anteil an Beiträgen findet sich in der Community öffentliche Medien, die die Zusammenhänge der Vergabe neutral zusammenfassen oder kritisieren. Erstaunlich ist, wie viele Leser ihren Unmut aktiv in Kommentaren kundtun. Die Einstufungen des Falls reicht von Peinlichkeit, Unerträglichkeit, Sorge um Unabhängigkeit des ORFs, einem Posten-Zugeschachere der Roten sowie Sorge um Demokratie, einige Kommentatoren fühlen sich gar an nordkoreanische Verhältnisse erinnert. Ein aus forscherischer Sicht ähnlicher Fall ist seit ein paar Wochen auch in Deutschland zu beobachten. Wie man anhand der quantitativen Analyse erkennt, hält die „Affäre Wulff“ die deutsche Web-Öffentlichkeit ebenso immer wieder in Atem.
Ohne tiefer in die Inhaltsanalyse einsteigen zu wollen, gibt es durchaus Parallelen. Wulff, der ähnlich wie Pelinka vor Beginn der „Affären“ in den sozialen Medien kaum stattfand, sieht sich nun seit Wochen großem Druck ausgesetzt und natürlich wird jeder Schritt, jedes Interview, jede Versprechung beobachtet und kommentiert. Gerade zu Beginn der Affäre Wulff gab es kontroverse Diskussionen im deutschen Web um Moral, die Verantwortung von Politikern, um das Zugestehen von Privatsphäre und den Vorbildcharakter. In Österreich war die Meinung zur „Causa Pelinka“ im Web einhelliger, die Rückzugsforderungen in fast allen Bereichen zu beobachten.
Die Wendung in der „Causa Pelinka“: Rückzug und die Folgen
Das nächste Kapitel in der „Causa Pelinka“ wird im Web am 19.1.2012 aufgeschlagen. Der Rückzug von Nikolaus Pelinka oder besser gesagt die Ankündigung den Job doch nicht anzunehmen, schlägt wieder hohe Wellen. Exemplarisch hierfür die Analyse von Tweets, die sich mit dem Thema bei Twitter auseinandersetzen:
Die „Causa Pelinka“ beherrscht die öffentliche Webwahrnehmung des ORF. Andere Ereignisse, Botschaften oder Debatten über oder um den ORF kommen im Untersuchungszeitraum so gut wie nicht vor. Es ist eine deutliche Aufschaukelung der Erregung zu sehen, die einerseits mit dem Thema an sich (Einsetzung von Pelinka als Büroleiter), aber andererseits ganz stark mit dem Umgang des ORF in dieser Sache. Die Öffentlichkeitsarbeit lief mehr als unglücklich ab. Unseres Erachtens hat das mit der Verletzung einiger Grundregeln zu tun: Vertuschungstaktik anstatt Transparenz, Monolog statt Dialog. Die Causa Pelinka wird zum Symbol der Intransparenz, der Vetternwirtschaft und damit zu einer latent spürbaren Entfremdung zwischen Bürgern und der Politik oder öffentlichen Institutionen. Es scheint, als ob die „Causa Pelinka“ zu einer Art Stellvertreterkrieg und der Generalabrechnung mit der politischen Klasse im Allgemeinen und der SPÖ im Speziellen wird. Das Web wird zum virtuellem Stammtisch und die Wutbürger verschaffen sich Gehör. In welche Richtung diese Wut kanalisiert wird ist noch nicht eindeutig absehbar, im Web lässt sich jedoch feststellen: Der Ton wird schärfer.
Autoren: Katharina von Janczewski und OliverTabino



