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Blog

30. Januar 2012

Ein Sturm der Entrüstung – Reaktionen der Netzöffentlichkeit auf die “Causa Pelinka” im österreichischen Web

Uncategorized — teamq

Die sogenannte „Causa Pelinka“ ist in den 4 Wochen immer wieder Thema in der österreichischen Öffentlichkeit. Wir haben uns der „Causa Pelinka“ angenommen und die Weböffentlichkeit in Österreich seit dem 23.12. 2011 beobachtet. Herausgekommen ist ein Lehrstück, wie man im Zeitalter von Social Media nicht mehr kommunizieren kann und sollte. Aber auch ein Lehrstück über unterschiedliche Kommunikationsstile und eine grundsätzliche Stimmungslage in Österreich: Das Gefühl der weiteren Entfremdung zwischen Politik und „normalen“ Bürgern. Die Grundlage für die vorliegende Analyse sind Beiträge im österreichischen Social Web, die sich mit der Bestellung Nikolaus Pelinka‘s zum Büroleiter des ORF-Generaldirektors Wrabetz auseinandersetzen.

Ein quantitativer Vergleich: Die „Causa Pelinka“ schlägt hohe Wellen.

Grafik 1: Diskussionsanteile zu Nikolaus Pelinka sowie Alexander Wrabetz, Robert Ziegler und Werner Faymann in Bezug auf den ORF – ein quantitativer Vergleich Die Zahlen beziehen sich auf 1022 Posts und Beiträge auf 5216 deutschsprachigen Websites im Zeitraum vom 16. Dezember 2011 bis 23. Januar 2012.

Mit Hilfe der quantitativen Analyse des sogenannten „Buzz“ (Nennungen zu den genannten Suchbegriffen) lässt sich die Konjunktur der Debatte nachverfolgen. Es wird deutlich, dass die „Causa Pelinka“ seit dem 23.12. 2011 immer wieder hochkocht. Selbst über die Weihnachtsfeiertage und dem Jahreswechsel wird darüber berichtet, gepostet und kommentiert. Ein weiterer Höchstwert erfolgt am Tag des Rückzugs Pelinka. Mit dem linkfluence Ansatz ist es uns möglich einen genaueren Blick auf die Geschehnisse werfen. Es ist möglich das österreichische Web in verschiedene Communities zu unterteilen und so die politischen Lager einzeln zu betrachten, bzw. zu überprüfen, welche Communities, wie das Thema kommentieren.

Massive Kritik in den Communities der politischen Blogosphäre

Um eine fundierte, inhaltliche Analyse des Social Web durchführen zu können, haben wir uns der sogenannten Blogosphäre in Österreich gewidmet. Hier wird sehr schnell deutlich: Kritik an der Benennung Pelinkas findet sich in allen politisch-orientierten Communitys im Social Web. Allerdings zeigen sich große Unterschiede im Tonfall und in der Art des Diskurses. Die Stimmen in der Blogosphäre sind mitunter harsch und gezielt gegen Nikolaus Pelinka gerichtet, in den meisten Beiträgen findet jedoch eine sachliche Auseinandersetzung mit Thema statt, das auf eine höhere Ebene – der Vergabe von Posten nach parteipolitischen Interessen – gehoben wird. Spannend ist auch zu verfolgen wie sich unter politisch interessierten Web-Nutzern ein immer stärkeres Bewusstsein über die Öffentlichkeitswirksamkeit von Social Media Kanälen, wie Blogs und Twitter entwickelt und wie Blogger die „Neuordnung der Medien“ und die Verbreitung von Nachrichten aktiv mitbestimmen möchten. Allein aus diesem Grund ist es für Unternehmen, Organisationen und Unternehmen zentral wichtig, Social Media zumindest passiv im Auge zu behalten.

Die Analyse unterschiedlicher politischer Communities: Sohn aus gutem Hause in der Kritik

Am kritischsten präsentiert sich die national-konservative Community, hier wird scharf mit der Person Nikolaus Pelinka ins Gericht gegangen. Die Kritik spielt sich auf persönlicher Ebene ab, der „kleine, blonde Nico“, der keine Qualifikationen für die Stelle des Büroleiters hat, bekomme diese nur, da er ein „Sohn aus gutem Hause“ ist, dem alle Türen offen stehen bzw. geöffnet werden. Auch die Verbindung zur SPÖ insbesondere zu Laura Rudas macht Pelinka angreifbar für national-konservative Blogger, der „rote Nico“ ist zu eng mit „Lauras Rudas Bruderschaft“, der jungen Elite der SPÖ verbunden und wird so zum Abgesandten der SPÖ. Auch Bundeskanzler Faymann gerät in die Kritik, national-konservative Blogger fühlen sich aufgrund „Faymanns ORF-Dompteurs“ an Zustände „wie in der DDR“ erinnert und fürchten eine „sozialistische Diktatur“, da nur „Diktatoren Medien unterwandern“ lassen.

Auch Blogger in anderen politischen Communitys kritisieren den zu starken Zusammenhang zwischen Nikolaus Pelinka, der SPÖ und Alexander Wrabetz. „Die Personalie Pelinka ist nur deshalb bedeutend, weil sie den bisher schlagkräftigsten Beweis darstellt, wie eng der Wrabetz-ORF an den Fäden der Parteien, insbesondere jenem der SPÖ hängt. Wenn jener Mann, der die Wrabetz-Wiederwahl inszeniert hat, dann auf einen hochbezahlten Posten unter Wrabetz aufsteigt, hat das naturgemäß einen ganz üblen Geruch. Wer bitte ist da wessen Chef?“ (www.andreas-unterberger.at). Pelinkas eigene Aussagen er sei kein Parteipolitiker verhallen in der Blogosphäre oder werden als unglaubhaft abgetan.

Die “Causa Pelinka” als Sinnbild des Politikverständnisses

Die sozialdemokratische und grüne Community reagieren im Social Web verhalten, dennoch sind sich diese Blogger einig mit den Bloggern der Communitys Soziales und Innenpolitik, die die Diskussion auf eine nicht personenbezogene, sondern sachliche Ebene heben. Für sie muss zwischen der Anfeindung Pelinkas und der „gängigen Art und Weise“ wie Posten zwischen Politik, Wirtschaft und Medien verteilt werden, getrennt werden. Personen aus parteipolitischen Motiven auf wichtige Posten zu setzen, sei eine Praxis geworden, die sich alle österreichischen Parteien herausnehmen, auch andere Beispiele werden hier aufgeführt: „Es ist gar nicht lange her, da wechselte ein Nationalratsabgeordneter der ÖVP [Kurt Bergmann] direkt auf den Posten des ORF Generalsekretärs.“ (chorherr.twoday.net). Übereinstimmend kommentieren die Blogger dieser Communitys, falls Pelinka die Leitung des ORF-Büros tatsächlich übernehmen sollte, wäre dies nicht nur parteischädigend für die SPÖ, sondern ein unmoralisches Vorgehen, das letztendlich auf alle Parteien zurückfallen, sie in Gesamthaftung nehmen und der Demokratie schaden würde. Auch für den Österreichischen Rundfunk würde sich die Berufung „unternehmensschädigend“ auswirken, aus Sicht der Blogger würde der ORF seine Unabhängigkeit einbüßen. Verwundert ist man hier allenfalls noch darüber in welchem Ausmaß die Vergabe des Jobs stattfindet. Dass nicht „einmal mehr versucht wird den Vorgang zu verschleiern“ irritiert, man ist sich durchaus bewusst, dass solche Besetzungen ablaufen, wenn auch scheinbar subtiler als im Fall Pelinka. Hervorgehoben wird in diesen Communitys in diesem Zusammenhang zudem die „Macht des Social Webs“. Dieser neugewonnene Einfluss ermöglicht, dass Diskussionen öffentlicher und länger geführt werden, unabhängig von großen Medienanbietern bestimmen Blogger mit, welche Argumente in eine Debatte aufgenommen werden und wann diese ausdiskutiert sind. Als Beispiel hierfür wird die Veröffentlichung der Pressemeldung von Pelinkas Berufung am 23.12.2011 um 14 Uhr angeführt: „Hat da wer ernsthaft an kluges medienstrategisches Timing gedacht, als der ORF am 23.12. um 14:00 die APA-Info rausließ, dass Niko Pelinka neuer Büroleiter von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz werden solle? Old Media-Timing funktioniert nimmer. Twitter, Facebook et al halten sich nicht an Redaktionszeiten.“

Für die Communitys Gleichberechtigung und Soziales spielt noch ein weiterer Aspekt in die Diskussion um die Vergabe der Büroleiterstelle hinein. Nicht nur die Nähe zur SPÖ, sondern auch das Übergehen der Frauenquote ist für diese Blogger nicht zu akzeptieren. Im Sinne der Gleichberechtigung und der vom Nationalrat beschlossenen Frauenquote für den ORF, sind bei Stellenausschreibungen Frauen bei Qualifikation gegenüber männlichen Bewerbern zu bevorzugen, bis ein Frauenanteil von 45% erreicht ist. Das keine gleichqualifizierte Frau sich auf die Stelle des Büroleiters bewirbt wird als unwahrscheinlich erachtet. Wieder auf die persönliche Ebene von Nikolaus Pelinka herunter gebrochen ist für diese Communities ebenfalls klar, die Annahme des Jobs ist umstritten, moralischen unklug und egoistisch, als Sozialdemokrat bzw. als guter Demokrat darf er den Job nicht annehmen.

Den größten Anteil an Beiträgen findet sich in der Community öffentliche Medien, die die Zusammenhänge der Vergabe neutral zusammenfassen oder kritisieren. Erstaunlich ist, wie viele Leser ihren Unmut aktiv in Kommentaren kundtun. Die Einstufungen des Falls reicht von Peinlichkeit, Unerträglichkeit, Sorge um Unabhängigkeit des ORFs, einem Posten-Zugeschachere der Roten sowie Sorge um Demokratie, einige Kommentatoren fühlen sich gar an nordkoreanische Verhältnisse erinnert. Ein aus forscherischer Sicht ähnlicher Fall ist seit ein paar Wochen auch in Deutschland zu beobachten. Wie man anhand der quantitativen Analyse erkennt, hält die „Affäre Wulff“ die deutsche Web-Öffentlichkeit ebenso immer wieder in Atem.

Ohne tiefer in die Inhaltsanalyse einsteigen zu wollen, gibt es durchaus Parallelen. Wulff, der ähnlich wie Pelinka vor Beginn der „Affären“ in den sozialen Medien kaum stattfand, sieht sich nun seit Wochen großem Druck ausgesetzt und natürlich wird jeder Schritt, jedes Interview, jede Versprechung beobachtet und kommentiert. Gerade zu Beginn der Affäre Wulff gab es kontroverse Diskussionen im deutschen Web um Moral, die Verantwortung von Politikern, um das Zugestehen von Privatsphäre und den Vorbildcharakter. In Österreich war die Meinung zur „Causa Pelinka“ im Web einhelliger, die Rückzugsforderungen in fast allen Bereichen zu beobachten.

Die Wendung in der „Causa Pelinka“: Rückzug und die Folgen

Das nächste Kapitel in der „Causa Pelinka“ wird im Web am 19.1.2012 aufgeschlagen. Der Rückzug von Nikolaus Pelinka oder besser gesagt die Ankündigung den Job doch nicht anzunehmen, schlägt wieder hohe Wellen. Exemplarisch hierfür die Analyse von Tweets, die sich mit dem Thema bei Twitter auseinandersetzen:

Die „Causa Pelinka“ beherrscht die öffentliche Webwahrnehmung des ORF. Andere Ereignisse, Botschaften oder Debatten über oder um den ORF kommen im Untersuchungszeitraum so gut wie nicht vor. Es ist eine deutliche Aufschaukelung der Erregung zu sehen, die einerseits mit dem Thema an sich (Einsetzung von Pelinka als Büroleiter), aber andererseits ganz stark mit dem Umgang des ORF in dieser Sache. Die Öffentlichkeitsarbeit lief mehr als unglücklich ab. Unseres Erachtens hat das mit der Verletzung einiger Grundregeln zu tun: Vertuschungstaktik anstatt Transparenz, Monolog statt Dialog. Die Causa Pelinka wird zum Symbol der Intransparenz, der Vetternwirtschaft und damit zu einer latent spürbaren Entfremdung zwischen Bürgern und der Politik oder öffentlichen Institutionen. Es scheint, als ob die „Causa Pelinka“ zu einer Art Stellvertreterkrieg und der Generalabrechnung mit der politischen Klasse im Allgemeinen und der SPÖ im Speziellen wird. Das Web wird zum virtuellem Stammtisch und die Wutbürger verschaffen sich Gehör. In welche Richtung diese Wut kanalisiert wird ist noch nicht eindeutig absehbar, im Web lässt sich jedoch feststellen: Der Ton wird schärfer.

Autoren: Katharina von Janczewski und OliverTabino

30. Oktober 2011

Social Media Research: It’s getting serious now!

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linkfluence and Q had a stand together on the 2011 research fair “Research & Results” in Munich last week. The German team had a lot of very intensive and constructive talks about market research in general and especially about Social Media Research. Our impression: The still young and very dynamic field of Social Media Research has to show their skills and abilities to help deciscion makers and marketers with reliable and convincing results and insights. Especially in the market research field we observed often great disappointment and wrong expectations regarding social media monitoring tools of clients and agencies. The plug & play and “easy solution for free” mentality is definetly over. This is interesting, because we are totally convinced and often made this point in the past: tools can’t replace human brains!

Another spectacular project was presented at the Munich fair, which is the biggest market research meeting in Europe with around 150 exhibitors and approx. 3000 visitors. Together with the University of applied sciences of Pforzheim we created the so called “Mafo-Web” which is a map and categorisation of the German speaking market research universe. The market research platform “marktforschung.de” is presenting the project exclusively: visitors can navigate on the interactive map, searching for their own company, have a brief insight in the method or read the interview with Prof. Dr. Christa Wehner about the project.

We really had great days in Munich and looking forward to the Research & Results 2012.

11. Oktober 2011

Social-Media-Nutzung zwischen Mythos, Heilsversprechen und Realität

Uncategorized — teamq

Social Media ist in aller Munde – mittlerweile auch verstärkt im öffentlichen Sektor und in der Politik. Barack Obama hält Townhall-Veranstaltungen via Twitter ab und der Organisationspsychologe Prof. Peter Kruse geht, verkürzt gesagt, davon aus, dass Social Media einen maßgeblichen Einfluss auf die arabischen Revolutionen gehabt hat. Und: Das Thema Social Media wird nicht nur in Spezialmedien oder in Expertenkreisen diskutiert, nein, Twitter, Facebook und Co. sind medial auch in den Massenmedien angekommen. Privatpersonen und Unternehmen können zu Medienproduzenten werden. Sie schaffen Inhalte und brechen somit das Medienmonopol auf. Wieso sollte dieses Prinzip nicht auch für öffentliche Organisationen und Institutionen, für Verwaltungen, Städte, Verbände, Gewerkschaften etc. gelten?

Dieser Frage geht Oliver Tabino in einem aktuellen Artikel für den Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung (vhw) nach. Außerdem werden aktuelle Nutzerzahlen, sowie Methoden und deren Stärken und Schwächen ausführlich dargestellt.

Diesen und viele weitere Artikel zum Thema “Neue Dialogkultur: Wir sprechen uns im Web 2.0″ stehen hier zum Downlaod bereit.

16. August 2011

Sind soziale Medien böse? – Eine vergleichende Nachbetrachtung der Unruhen in Großbritannien

Uncategorized — teamq

In einer Kombination aus Social Media-Analyse und quantitativer Befragung in Deutschland und UK haben linkfluence by Q aus Mannheim und ODC Services aus München die öffentliche Diskussion über die Unruhen in Großbritannien analysiert. Während linkfluence by Q das deutsche Social Web betrachtete, befragte ODC Services in einer Online-Umfrage 677 Deutsche und 828 Briten. Die Studie zeigt, dass im Netz vor allem die Kritik an Politik und Medien im Umgang mit den Ereignissen im Zentrum steht. Die Umfrage von ODC Services ergibt, dass Deutsche und Briten unterschiedliche Meinungen dazu haben, was bei solchen Unruhen als legitimes Mittel des Protests zählt.

(Un)Verständnis im deutschen Web

Über was diskutierte die deutsche Blogosphäre im Kontext der Unruhen in UK? Eine quantitative und qualitative Analyse deutscher Blogs und Websites zeigt, welche Themen im Kontext der Unruhen im Netz diskutiert wurden. Zum einen beschäftigte sich die deutsche Netzwelt natürlich mit den Fragen nach Art und Ursachen der Unruhen. Interessanterweise lässt sich feststellen, wie vor allem in den ersten beiden Tagen der Begriff „UK riots“ in vielen Beiträgen in Blogs, Kommentaren aber auch Medien-Websites direkt ins Deutsche übernommen wurde. Erst nach und nach redet man auf deutschen Blogs und Webseiten von „Krawallen, Unruhen, plündernden Mobs oder Randale“ in Großbritannien. Es scheint, als ob gerade in den ersten Tagen weder die Netz-Öffentlichkeit, noch Medien und Politik die Ereignisse ganz klar verorten konnten oder wollten. In diesem Zusammenhang wundert es nicht, dass ein vieldiskutiertes Thema der Blogosphäre die Kritik an der Berichterstattung der Medien war. Dabei wird einerseits die Intellektualisierung der Unruhen als „Aufstand der Abgehängten“ durch deutsche Feuilletons kritisiert. Andererseits reibt sich die Netzgemeinde an einer Vereinfachung der Medien-Darstellung, die die Unruhen auf willkürlichen Krawall von arbeitslosen, frustrierten Jugendlichen reduziert, ohne die die Komplexität der Ursachen zu berücksichtigen.

Social Media Verteufelung – Ein Zeichen der politischen Hilflosigkeit

Auf harsche Kritik stoßen dabei insbesondere Äußerungen aus Politik und Medien über Twitter und Blackberry als Mobilisierungsmedien. Für die Netzwelt signalisiert diese Reduktion der Ereignisse auf die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Facebook oder Twitter ganz klar politische Hilflosigkeit. Ein Artikel zu diesem Thema auf netzpolitik.org zog beispielsweise eine erhitzte User-Diskussion mit vielen Kommentaren nach sich. Auf einem anderen Blog kritisiert ein User, dass die Schuldzuweisungen am Blackberry-Dienst oder sozialen Netzwerken nur dafür sorgen, dass die tieferen Ursachen wieder einmal von der Politik verdrängt werden können, denn „im Konkreten sollen jetzt die noch vor ein paar Monaten in den Himmel gelobten sozialen Plattformen schuld daran sein, dass sich die Unruhestifter so ungestört absprechen konnten.“ Die Blogger sehen hier eine typische Reiz-Reaktion der Politik: Verbote anstatt Verstehen und Auseinandersetzung.

Deutsche und Briten uneins über legitime Formen des Protests

Neben der deutschen Netzwelt scheint auch die britische Bevölkerung eine gewisse Hilflosigkeit der Politik zu beobachten, was sich aus der Umfrage in Großbritannien ablesen lässt, die ODC Services letzte Woche parallel zur Social Media-Analyse von Q | unter 828 Briten und 677 Deutschen durchgeführt hat. Gerade mal 9% der britischen Befragten sind mit dem Krisenmanagement der Politik zufrieden. 71% sind dagegen nicht zufrieden oder sogar enttäuscht vom Umgang der Politiker mit den Unruhen. Ein erheblicher Unterschied zwischen deutschen und britischen Befragten ergibt sich bei der Frage danach, welche Formen des Protests sie als legitim erachten. Während 76% aller deutschen Befragten Demonstrationen als legitimes Mittel des Protests sehen, sind es unter den Briten nur 34%. Ähnlich verhält es sich mit Streiks oder Arbeitsniederlegung als Protestform. Diese sehen doppelt so viele Deutsche wie Briten – 56% versus 26% – als legitim. Noch frappierender sind die Unterschiede bei der Frage, ob Gewalt gegen die Polizei eine legitime Form des Protests ist. 17% der deutschen Befragten können sich Gewalt gegen die Polizei unter Umständen als Mittel des Protests vorstellen, aber nur 5% der Briten sehen dies so.

Trotz der Gewalt: Solidarität als hoffungsvolles, politisches Moment?

Wenig verwunderlich ist, dass sich die meisten Blogger – egal in welche thematische Sphäre des Webs man blickt – darüber einig sind, dass die Unruhen nicht überraschend kamen. Die Gewalt der Unruhen wird von der großen Mehrheit der deutschen Internet-User grundsätzlich verurteilt. Jedoch findet sich auch eine Vielzahl an mahnenden Beiträgen, dass sich die Situation in UK nur für den Moment beruhigt hat. Ein User auf Spiegel Online zieht zum Beispiel in einem Kommentar das Fazit: „Wer die Problemursachen nicht analysiert und die Bedingungen verbessert, unter denen Menschen leben müssen, der muss solche Bilder halt alle paar Jahre ertragen“. Die Web-Community sieht in den Ereignissen jedoch auch ein bedeutendes politisches Moment, was ein Blogger mit den Worten „Es ist eine Art politisches Aufstoßen. Das hat zwar wenig mit politischem Bewusstsein zu tun, ist aber deshalb noch nicht unpolitisch.“, beschreibt. Schaffen die Unruhen vielleicht eine ganz neue Form der Bürgerbeteiligung und Solidarität, die letztlich ohne die Politik auskommt? Hoffnungsvoll illustriert durch die Aktion #riotcleanup, bei der sich Bürger über Twitter und Facebook zu Aufräumaktionen zusammenschließen. Ein aus London bloggender Deutscher berichtet zum Beispiel: „Es gibt auch eine andere Seite: Menschen, die zusammenhalten, über Twitter werden über den Hashtag #riotcleanup Aufräumaktionen gestartet, viele wollen sich ihr Leben durch blinde Zerstörung nicht kaputt machen lassen. Es gibt enorm viel Solidarität in den Communities, und man verspürt Hoffnung, wenn man sieht was passiert.“

Hungersnot und Syrien, nein Danke!

In der Nachbetrachtung zeigt sich auch die Schnelllebigkeit und der Verdrängungswettbewerb von Themen im Web überdeutlich. Besonders die Proteste in Syrien und die Hungersnot in Afrika verlieren klar an Gesprächsanteil. Die Themen Euro- /Schuldenkrise und Börsenturbulenzen können die Unruhen nur tageweise im Web verdrängen. Im 7-Tages-Schnitt bleibt das Thema Finanzkrise trotz ausbleibendem Mega-Börsencrash mit 47% Gesprächsanteil Spitzenreiter im deutschen Web. Die Unruhen in UK setzten jedenfalls am gestrigen Montag ihre Themenbuzz-Talfahrt erst einmal fort.

Autoren: René Kaufman & Oliver Tabino

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