Eine Analyse von linkfluence by Q legt nahe: Der Tod von Osama bin Laden setzt keinesfalls einen Schlussstrich unter das Thema Al Qaida. Die Reaktionen im Social Web reichen dabei von harscher Kritik an der Operation Geronimo über Erleichterung bis hin zu Unsicherheit, ob die Tötung Bin Ladens überhaupt sinnvoll war. Gleichzeitig lässt sich schon jetzt feststellen, dass der Webdiskurs zwar emotional geführt wird, dabei aber komplett auf Panikmache oder Angst vor Vergeltungsschlägen durch islamische Fundamentalisten verzichtet. Insgesamt könnte man fast schon von einer irritierten Weböffentlichkeit sprechen, die sich –wohl auch durch das umstrittene Statement von Angela Merkel- fragt, wie man überhaupt richtig reagiert.
Bin Laden-Tötung verdrängt alle anderen Themen
Die Grundlage für die vorliegende Analyse sind Beiträge im deutschen Social Web, die sich mit dem Tod von Osama Bin Laden beschäftigen. Das Forschungstool linkfluence by Q bietet dabei neben der quantitativen Analyse von nutzergenerierten Inhalten im Web auch die Möglichkeit, das Web 2.0 in unterschiedliche Zielsegmente bzw. Communities aufzuschlüsseln. Im gesamten Social Web verdrängt Bin Ladens Tod mit einem Gesprächsanteil von 66,8% klar andere aktuelle Themen. Sowohl die FDP-Führungsdebatte (13,5%), die royale Hochzeit (9%) als auch der Eurovision Songcontest (7,5%) treten in den Hintergrund. Auffällig, wenn auch nicht wenig überraschend: die politische Netzgemeinde diskutiert besonders intensiv über Bin Laden.
Grafik 1: Diskussionsanteil zum Tod von Osama bin Laden im Netz – ein quantitativer Vergleich
Die Zahlen beziehen sich auf 5410 Posts und Beiträge auf 7629 deutschsprachigen Websites im Zeitraum vom 01. bis 06. Mai 2011.
Verschwörungstheorien, massive Kritik und Unentschiedenheit
Vorneweg: uneingeschränkte Zustimmung zur Tötung bin Ladens findet man in den analysierten Webdiskussionen so gut wie gar nicht. Ebenso wenig euphorische Feierstimmung wie sie uns die medialen Bilder aus den USA vermitteln.
Der Tod bin Ladens wirft für die Netzgemeinde eher eine Vielzahl an Fragen auf: Wie reagiert man angemessen auf den Tod des meistgesuchten Terroristen der Welt? Darf man in einem Rechtsstaat einen Terroristen und mutmaßlichen Massenmörder ohne Prozess töten? Wäre ein fairer, rechtsstaatlicher Prozess für Osama bin Laden überhaupt denkbar gewesen? Antworten auf diese Fragen fallen je nach politischer Richtung kontrovers aus und schwanken zwischen harscher Kritik und Hin- und Hergerissenheit.
In den
sozialdemokratischen, grünen und linken Communities überwiegen klar die kritischen Stimmen an der Tötung bin Ladens. Für Terroranschläge, wie die des 11. Septembers, kann es keine Vergeltung geben, in einem rechtsstaatlichen System darf kein Mensch – egal ob Terrorist oder nicht – ohne Prozess getötet werden.
Linke Blogger schreiben von „Staatsterror“ und „Ermordung bin Ladens“ und verurteilen den Einsatz des US-Sonderkommandos als „völkerrechtswidrige Lynchjustiz“. Dementsprechend scharf fällt die Kritik gegenüber Angela Merkels „Freude über den Tod bin Ladens“ aus. Einen moderateren Ton schlagen dagegen
sozialdemokratische und grüne Blogger an: „man muss nicht um bin Laden trauern, aber man darf sich auch nicht freuen“ und dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um das jubelnde amerikanische Volk oder die deutsche Kanzlerin handelt.
Das Stimmungsbild in der
konservativen Community zeigt sich dagegen uneinheitlich. Neben kritischen Stimmen, die die Tötung bin Ladens aus christlicher und moralischer Sicht für nicht vertretbar halten, finden sich auch Beiträge von
konservativen Bloggern, die den Tod bin Ladens als Schlag gegen den internationalen Terror begrüßen und der Meinung sind „wer wie Osama bin Laden gegen Rechtstaatlichkeit kämpft hat das Recht auf einen rechtstaatlichen Prozess verwirkt und darf, um Deutschland sicherer zu machen, gezielt getötet werden.“
Im liberalen Lager versucht man es dagegen mit Vernunft und Verständnis für die Vorgehensweise der USA, auch was die Reaktion auf die Äußerung von Angela Merkel betrifft: „Ich denke schon, dass es außergewöhnliche Umstände gibt unter denen eine solche Aktion gerechtfertigt sein kann.“, äußert sich ein User auf einem liberalen Blog. Osama bin Laden hat den Krieg gegen den Terrorismus selbst ausgelöst und wurde nun in diesem Krieg legitim getötet.
Interessanterweise findet man sowohl im
öffentlichen, politisch-neutralen Diskurs als auch an den äußeren
rechten und
linken Rändern Verschwörungstheorien aller Couleur. Widersprüchliche Details zum Einsatz, das gefälschte Foto und die Seebestattung schüren mehr oder minder ernsthafte Zweifel an der Glaubwürdigkeit, ob Osama bin Laden tatsächlich am 1. Mai in Abbottabad gestorben ist.

Grafik 2: Diskussionsanteil verschiedener politischer Sphären im Social Web zum Tod von Osama bin Laden.
Unklarheit und Unsicherheit
Neben Kritik oder Verständnis zieht sich ein drittes Motiv durch die Webdiskussionen zum Tod bin Ladens. In vielen Bereichen des Netzes lässt sich eine tiefe Verunsicherung darüber feststellen, welche Tragweite die Tötung des Terroristenführers hat. Die Websphäre stellt sich Fragen wie: Wird Bin Ladens Tod die Welt sicherer machen? Kommt neuer Terror auf uns zu? Was bedeutet sein Tod konkret für die Sicherheitslage in Deutschland?
Vor allem das grüne „Weblager“ fordert vor diesem Hintergrund komplette Transparenz, auch im Hinblick auf die Folgen für die Lage in Afghanistan oder Pakistan. Dementsprechend werden vor allem in Bereichen des Netzes, die man dem öffentlichen, politisch-neutralen Diskurs zuordnen kann, Fragen und Forderungen nach Notwendigkeit, Sinn oder Unsinn eines Fotobeweises diskutiert, auch um die teilweise widersprüchlichen Meldungen und Stellungnahmen der US-Regierung zu klären.
Unsicherheit herrscht auch darüber, inwieweit die Tötung Bin Ladens reines politisches Kalkül war, da sie für Barack Obama zum richtigen Zeitpunkt kam. Unter innenpolitischem Druck und die Präsidentschaftswahlen 2012 bereits im Blick, brauchte Obama einen Erfolg. Nicht zuletzt stellen sich fast alle politischen Lager die Frage, inwieweit bin Ladens Tod überhaupt etwas zur Veränderung der Lage beiträgt? Bin Laden wird schon lange nicht als Kern des Problems islamistischen Terrors gesehen, da der islamistische Terror der letzten Jahre sich ohnehin dezentralisiert organisiert hat und die Gallionsfigur Bin Laden nur noch selten in der medialen Öffentlichkeit auftauchte. In der konservativen Community zeichneten sich letzte Woche auch erste Diskussionen über die Frage nach einer erhöhten Terrorgefahr in Deutschland ab, einhergehend mit Diskussionen über die Überwachung von auffälligen Islamisten und die Überprüfung der Sicherheitsgesetze.
Autoren: Katharina von Janczewski & René Kaufmann
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